Mathematik zählt, weil ...

es ohne diese sehr alte und sich dennoch ständig weiterentwickelnde Wissenschaft unsere moderne Gesellschaft nicht geben würde.

Sylvia und Thomas Tressel
(Foto: privat)

Sylvia und Thomas Tressel sind ein überaus engagiertes, junges Lehrerehepaar - beide mit dem Unterrichtsfach Mathematik und den Zweitfächern Französisch bzw. Englisch. 2016 haben sie zusammen an ihrer Schule dem Friedrich-Schiller-Gymnasium in der Schillerstadt Marbach 19 Kollegen mit über 806 Schülerinnen und Schüler zum Mitspielen bei „Mathe im Advent“ motiviert. Das war sensationell! Die Schule war damit die engagierteste Schule bei „Mathe im Advent 2016“. Stephanie Schiemann vom Netzwerkbüro Schule-Hochschule sprach mit ihnen.

Wie möchten Sie die jungen Menschen in der Schule für die Mathematik gewinnen? Haben Sie ein spezielles Konzept? 

Uns ist es sehr wichtig, sowohl den schwächeren wie auch den leistungsstärkeren Schülerinnen und Schülern an unserer Schule etwas im Fach Mathematik zu bieten. Deshalb legen wir an unserer Schule großen Wert auf äußere und innere Differenzierung. Aufgrund der Größe unserer Schule – mit 2.300 Schülern, eines der größten Gymnasien Deutschlands –, ist es möglich, als äußere Differenzierung Intensivierungskurse für die schwächeren Schülerinnen und Schüler zusätzlich zum normalen Fachunterricht anzubieten. Darüber hinaus gibt es auch eine kompakte, zielgerichtete Nachhilfe von Schülern für Schüler während der Sommerferien, die sogenannte Sommerschule. Auch für die stärkeren Schüler der Oberstufe gibt es Zusatzangebote, wie z.B. das zusätzliche zweistündige Vertiefungsfach „Mathe Plus“ oder „Darstellende Geometrie“. Darüber hinaus gibt es auch einen Hochbegabtenzug.
Parallel legen wir während der Unterrichtsstunden viel Wert darauf, möglichst vielen Schülerinnen und Schülern Erfolgserlebnisse zu verschaffen und ihnen die Bedeutung der Mathematik für unsere Gesellschaft an möglichst lebensnahen und praxisrelevanten Beispielen nahe zu bringen. Aber auch die Schönheit mathematischer Beweise kommt in unserem Unterricht nicht zu kurz. Wir unterrichten beide sehr gerne Mathematik und versuchen, soviel wie möglich von unserer Begeisterung für das Fach auf die Schülerinnen und Schüler zu übertragen. Das finden wir, ist das Wichtigste.

Können Sie uns beispielhaft eines ihrer Mathematikprojekte beschreiben?

Herr Tressel: Im letzten Schuljahr habe ich mit meinen Schülerinnen und Schülern ein Erklärvideo zum Lösen von quadratischen Gleichungen im Anschluss an die entsprechende Unterrichtseinheit gedreht. Dieses wurde anschließend auf unserer Schulhomepage veröffentlicht. Die Klasse hat die Inhalte für das Video selbstständig aufbereitet und auf diese Weise dieses wichtige Thema nochmals gründlich durchdrungen. Im Vorfeld hatten wir bereits vorhandene Erklärvideos auf YouTube, unter anderem von Dorfuchs, kritisch analysiert. Es hat den Schülerinnen und Schülern viel Spaß gemacht, auf diese Weise kreativ und produktiv mit dem Unterrichtsstoff umzugehen.

Auf dem MNU-Bundeskongress in Hamburg sind Sie Herr Tressel wegen ihres innovativen Mathematikunterrichts ausgezeichnet worden. Worum ging es da?

Hierbei ging es um eine anwendungsbezogene Unterrichtsstunde zum Thema „Wachstumsvorgänge“, in der wir mithilfe der Modelle des beschränkten und logistischen Wachstums die Einspielergebnisse von berühmten Kinofilmen modelliert haben. Daraus erstellten wir dann eine Prognose für das damals noch unbekannte Einspielergebnis eines brandaktuellen Films, für den erst die entsprechenden Daten der ersten drei Wochen vorgelegen hatten. Das Thema „Filme“ hat die Schülerinnen und Schüler sehr angesprochen und die Auswertung authentischer Daten hat ihnen die Praxisrelevanz der Mathematik aufgezeigt. Interessant war vor allen Dingen die Diskussion, welche Gründe es dafür geben kann, dass für manche Filme eher ein beschränktes Wachstumsmodell geeignet ist, während auf andere Filme eher das logistische Modell passt. Handelt es sich z.B. um Romanvorlagen oder Fortsetzungsfilme oder wurde im Vorfeld besonders viel Werbung für einen Film gemacht, sind die meisten Besucher in der ersten Woche zu erwarten und die Einspielergebnisse nehmen dann von Woche zu Woche ab. Muss sich ein Film erst herumsprechen, steigt die Besucherzahl eher wie bei der Verbreitung eines Gerüchts, also logistisch, an.

Wie sind Sie auf „Mathe im Advent“ aufmerksam geworden?

Herr Tressel: Während meines Referendariats vor ca. 5 Jahren hat mich eine Kollegin an meiner damaligen Schule auf den Wettbewerb aufmerksam gemacht. Sie hatte den Wettbewerb damals bereits mehrfach mit ihren Klassen durchgeführt.
Frau Tressel: Während meines Referendariats, das ich auch am FSG in Marbach absolviert habe, haben fünf Schüler meiner damaligen 9. Klasse am Wettbewerb „Mathe im Advent“ mitgemacht. Darüber hinaus hat mich auch ein Kollege, der sich um die Mathematikwettbewerbe kümmerte, auf diesen Wettbewerb angesprochen.

Wie haben Sie ihre Kolleginnen und Kollegen motiviert und was hat Sie an dem Wettbewerb besonders gereizt?

Wir fanden die Idee sehr reizvoll, Knobelaufgaben in nette und weihnachtliche Geschichten zu verpacken und mittels der spielerischen Kalenderform anzubieten. Darüber hinaus lockt die Aussicht auf einen der zahlreichen Gewinne.
Wir haben die Kolleginnen und Kollegen der Fachschaft über ein entsprechendes Schreiben informiert, in dem wir auch die erwarteten Lerneffekte durch eine Teilnahme bei „Mathe im Advent“ hervorgehoben haben. So sind wir überzeugt davon, dass die Aufgaben nicht nur die Motivation für das Fach Mathematik erhöhen können, sondern auch das logisch-mathematische Denken schulen. Die Notwendigkeit, jeden Tag ein Türchen zu öffnen und am Ball zu bleiben, leistet unserer Meinung nach auch einen großen Beitrag zur Entwicklung der Selbstdisziplin und Ausdauer der Schülerinnen und Schüler. Mithilfe dieser Argumente konnten wir unsere Kolleginnen und Kollegen für den Wettbewerb gewinnen. Ihnen sei an dieser Stelle auch noch einmal ein großer Dank dafür ausgesprochen, dass sie diese Anregung umgesetzt und ihre Schülerinnen und Schüler für die Teilnahme am Wettbewerb motiviert haben. Die Schulleitung hat es uns zudem dankenswerterweise ermöglicht, den Wettbewerb für unsere Schülerinnen und Schüler kostenfrei anzubieten, indem die für unsere große Schule sehr attraktive Schulflatrate bezahlt wurde.

Was sind ihre Erfahrungen mit „Mathe im Advent“? Haben Sie einzelne Aufgaben im Unterricht thematisiert? Wie ist das angekommen?

Unsere Erfahrungen sind sehr positiv. Die Registrierung war sehr einfach und selbsterklärend, womit sich der Aufwand für die Kolleginnen und Kollegen in Grenzen hielt. Auch der technische Support hat bei Fragen immer direkt geholfen. Die Rückmeldungen von Schülerseite aus waren ebenfalls sehr positiv. Schön fanden wir insbesondere, dass auch viele Schülerinnen und Schüler mit anfänglichen Bedenken am Wettbewerb teilgenommen haben und im Verlauf dann sogar Spaß am Lösen der Aufgaben entwickelt haben Sehr gelungen finden wir auch, dass die Lösungen zu den Aufgaben, die oft noch zusätzliche Hintergrundinformationen für interessierte Schülerinnen und Schüler liefern.

Wir haben die Schülerinnen und Schüler im Unterricht öfters auf den Wettbewerb angesprochen, um zu erfragen, wie sie mit den Aufgaben zurechtkommen und wie regelmäßig sie die Fragen beantworten. Dabei kam es des Öfteren zu interessanten Diskussionen über die Lösungen der Aufgaben vom Vortag, denn die Schülerinnen und Schüler sind sich natürlich nicht immer einig gewesen. Ein Schüler hat z.B. berichtet, dass er einen ganzen Abend mit seinen Eltern das grafentheoretische Spiel „Sprouts“ aus „Mathe im Advent“ gespielt hat, in dem es darum ging, Punkte geeignet mit Linien zu verbinden. Auch in den großen Pausen (direkt vor dem Mathematikunterricht) haben sich die Schüler über die Aufgaben unterhalten und teilweise heftig über die mathematischen Inhalte diskutiert.

An Ihrer Schule laufen sehr viele verschiedene Angebote, auch innerhalb der Mathematik. Wie würden Sie „Mathe im Advent“ einordnen? Wollen Sie noch einmal mitmachen?

Im letzten Schuljahr hat unsere Mathe-Fachschaft beschlossen, die Teilnahme unserer Schülerinnen und Schüler an Wettbewerben, zu verstärken. Neben der Teilnahme an der Mathematik-Olympiade, die für die Leistungsspitze konzipiert ist, möchten wir durch die Teilnahme an Wettbewerben wie dem Känguru-Wettbewerb, Mathematik ohne Grenzen und nun auch „Mathe im Advent“ die breitere Masse der Schülerinnen und Schüler für Mathematik begeistern. „Mathe im Advent“ passt also wunderbar in unsere „Wettbewerbsoffensive“ und wir beabsichtigen selbstverständlich, auch im nächsten Schuljahr wieder teilzunehmen.

Wie haben Sie beide zur Mathematik gefunden? Gab es da ein bestimmtes Erlebnis, ein Wettbewerb oder eine Person?

Während unserer Schulzeit waren die Wettbewerbe leider noch nicht so sehr verbreitet. Wir fanden dennoch schon während unserer Schulzeit Mathematik spannend, da man im Gegensatz zu manch anderen Fächern hier nicht nur vorhandenes Wissen vorgekaut bekommt, sondern alle Gedankenschritte selbst nachvollziehen und auch individuelle neue Lösungswege finden kann. Die Zusammenhänge und Strukturen, die man selbst entdecken kann, haben uns beide schon damals sehr fasziniert.