Mathemacherinnen des Monats August 2014 sind Marianne Nolte und Kirsten Pamperien.

 Nolte Pamperien

Mathematik zählt, weil …

… wir Mathematik überall in unserer Umwelt vorfinden und – nicht zu vergessen, weil es Spaß macht, Mathematik zu treiben.

Das Hamburger „PriMa-Projekt“  feiert im August sein 15-jähriges Bestehen. Marianne Nolte (MN) und Kirsten Pamperien (KP) sind für das Uni-Projekt zur Förderung für mathematisch besonders begabte Grundschulkinder verantwortlich. Sie haben es gemeinsam entwickelt und über die Jahre auf- und ausgebaut. Frau Nolte ist als Grundschul-Didaktikprofessorin für die wissenschaftliche Betreuung des „PriMa-Projektes“ und Forschung zuständig. Frau Pamperien ist als mit Hochbegabten erfahrene Mathematiklehrerin für die Durchführung und Organisation verantwortlich. Viele Hundert Kinder haben in Hamburg bereits von dem Förderprogramm profitiert. Das „PriMa-Projekt“ wird von der Schulbehörde Hamburg, der William-Stern-Gesellschaft zur Begabungsforschung und -Förderung und der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg unterstützt. Stephanie Schiemann vom DMV-Netzwerkbüro Schule-Hochschule sprach mit Frau Nolte und Frau Pamperien.

Für was steht „PriMa“? Erläutern Sie doch bitte kurz, was Sie den Kindern mit dem „PriMa-Projekt“ bieten oder wer daran teilnehmen darf?

„PriMa“ steht für „Kinder der Primarstufe auf unterschiedlichen Wegen zur Mathematik“ und besteht aus verschiedenen Teilmaßnahmen. Unser Teil der Maßnahme, die sogenannte Uni-Gruppe, richtet sich an mathematisch hochbegabte Grundschulkinder der dritten und vierten Klasse. Diesen, durch eine Talentsuche ausgewählten Kindern, bieten wir ein spezielles Förderangebot. Sie können regelmäßig alle zwei Wochen zur Universität Hamburg kommen und gemeinsam mit anderen mathematisch begabten Kindern Probleme bearbeiten. Mittlerweile gehören zu unserem Team über 15 Mitarbeiter, die mit den Kindern Mathe machen.

Am 22./23. August steht nun eine große Festveranstaltung zum 15-jährigen Bestehen des „PriMa-Projektes“ an. Was wird da geboten? Kann man daran noch teilnehmen?

An den beiden Tagen wollen wir mit allen PriMa-Projekt-Beteiligten, den ausgebildeten Moderatorinnen und Moderatoren und Ehemaligen feiern. Eingeladen sind auch alle, die sich allgemein für Fragen der Mathematikförderung in und außerhalb des Unterrichts interessieren.  Es geht sowohl um mathematische Begabtenförderung als auch um die Breitenförderung. Wir hoffen, dass möglichst viele Schülerinnen und Schüler, die am Uni-Projekt und den Mathe-Zirkeln teilgenommen haben oder noch teilnehmen, mit ihren Eltern zu uns kommen. Es gibt interessante Vorträge, Workshops und ein besonderes Angebot für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Uni-Gruppen. Wer sich dafür interessiert und teilnehmen möchte, findet weitere Informationen unter: www.prima-mathematik.uni-hamburg.de. Eigentlich ist am 1. August Anmeldeschluss, doch – je nach Anmeldezahlen – können wir noch einzelne Interessierte aufnehmen.

Wie kam es zu diesem Grundschulprojekt? Welche Vorbilder hatten Sie?

MN: Für mich war ein kleiner Erstklässler der Auslöser, der mich dazu veranlasste, Herrn Kießwetter anzurufen und um Rat zu fragen. Ihn kannte ich als Leiter des „Hamburger Modells zur Begabungsforschung und Begabtenförderung im Bereich Mathematik“. Ich war damals Mathematiklehrerin an einer Grundschule und traf dabei auf Matthias, der bereits kurz nach seiner Einschulung zweistellige Zahlen im Kopf multiplizieren konnte. Als ich später an die Universität kam, motivierte mich der Mathematikdidaktik-Professor Herr Kießwetter dazu, die Fragen zur mathematischen Hochbegabung weiter zu verfolgen. So kam auch der Kontakt zu Kirsten Pamperien zustande, die schon während ihrer Studienzeit im „Hamburger Modell“ mitarbeiten durfte.

Wir begannen gemeinsam Aufgabenstellungen und Methoden für Grundschulkinder zu entwickeln und zu erproben. Herr Kießwetter, der Psychologie-Professor Wieczerkowski und ich  formulierten einige Zeit später einen Forschungsantrag an die Behörde für Schule und Berufsbildung in Hamburg, der den Anstoß für dieses Projekt gab. Ein Vorbild und vor allem am Anfang auch eine wichtige Unterstützung für uns beide war also Professor Kießwetter und sein „Hamburger Modell“, in dem seit 1983 mathematisch besonders begabte Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 7 bis zum Abitur gefördert werden. Wir haben versucht seine Förderansätze auf die Kleinen zu übertragen. Dabei waren die Vorkenntnisse vom Hamburger Projekt von mir (KP) von Vorteil. In meiner Zeit als Grundschullehrerin habe ich immer wieder Aufgabenstellungen unserer Förderung mathematisch hochbegabter Sekundarstufenschüler für meine Grundschulkinder modifiziert, weil ich die Idee in Problemfeldern zu arbeiten auch für Grundschulkinder interessant fand. Alle Kinder (auch die schwächeren) haben mit Begeisterung an diesen Problemen gearbeitet. Jeder konnte etwas herausfinden und gemeinsam haben die Kinder dann im Unterrichtsgespräch die Lösungen zusammengetragen.  Die Herausforderung für alle war mir immer wichtig.

Und was ist das Besondere daran?

Wir bieten den Kindern nicht einfach Knobelaufgaben im üblichen Stil an, sondern Problemfelder aus dem elementarmathematischen Bereich. Auf diese Weise arbeiten die Kinder als kleine mathematische Forscher in Kleingruppen. Dies entspricht dem Kießwetterschen Ansatz des „Hamburger Modells“, das Schülerinnen und Schüler bis zur Entwicklung kleiner mathematischer Theorien führt.

Wie läuft die Finanzierung? Die Kinder können – soviel ich weiß – kostenlos teilnehmen.

Das stimmt. Wir freuen uns besonders darüber, dass die Schulbehörde in Hamburg diese Kosten fast vollständig trägt. Auch die an die PriMa-Förderung anschließenden Mathezirkel für die Klassenstufen 5 und 6 werden unterstützt. Hier müssen die Eltern allerdings einen kleinen Kostenbeitrag leisten.

Rund um die Förderung an der Universität haben sich noch andere Maßnahmen entwickelt, um noch mehr Grundschulkinder mathematisch zu fördern und auch die Lehrer entsprechend fortzubilden. Um was handelt es sich da?

Zum „PriMa-Projekt“ gehören in der Tat verschiedene Maßnahmen:

a) die Förderung mathematisch besonders begabter Kinder an der Universität,

b) die Mathezirkel und  

c) die zweijähre Weiterbildung von Mathematiklehrkräften zu Mathematik-Moderatoren.

Die Mathezirkel richten sich an alle Kinder ab der 3. Klasse, die Spaß am Mathematiktreiben haben. Sie wurden an etwa 70 Schulen in ganz Hamburg eingerichtet und erreichen somit jedes Schuljahr mehrere hundert Kinder. Die Kombination von der Förderung an der Universität und an Schulen, quasi eine Kombination von Spitzen- und Breitenförderung, ist unseres Wissens in der Bundesrepublik einmalig.  Zur allgemeinen Qualitätsverbesserung des Mathematikunterrichts in der Grundschule wurde im Rahmen der PriMa-Maßnahme zusätzlich ein Konzept für eine Weiterbildung von praktizierenden Mathematiklehrerinnen und -lehrern entwickelt. Für die Mathematiklehrkräfte gibt es ein 2-semestriges Weiterbildungsangebot an der Universität Hamburg und danach noch mal ein Jahr im Hamburger Landesinstitut für Lehrerfortbildung. Die Lehrkräfte werden dort von Professor Krauthausen und mir (MN) und später am Landesinstitut für Lehrerbildung zu „Mathematik-Moderatorinnen und -Moderateren“ ausgebildet.

Können Sie interessierten Kollegen, Eltern Tipps geben? Wie entdeckt man mathematisch interessierte Kinder und wie geht man am besten mit ihnen um?

Mathematisch begabte Kinder kann man nicht einfach an ihren Schulnoten erkennen und auch nicht ausschließlich über die Lehrernomination. Es gehören gezielte Fragen und Beobachtungen zur Diagnose von hoch begabten Mathematikschülern. Hier können spezielle Beratungsstellen (wie z.B. die BbB in HH), Beratungslehrer oder auch wir helfen. Melden Sie sich gerne bei uns! Das wichtigste sind interessante Aufgaben. Wenn sie so gestaltet sind, dass sie auf unterschiedlichem Niveau bearbeitet werden können, haben die Kinder die Möglichkeit zu zeigen, was sie können. Entscheidend ist aber auch die Akzeptanz von ungewöhnlichen Ideen und allgemein einem Interesse an der Mathematik. Man muss lernen, den Schülern auch zuzuhören und sie zu verstehen. Vor allem muss man aber als Lehrkraft auch vermeiden, zu viel zu verraten und die Kinder wirklich selbst entdecken zu lassen. Dabei muss man auch manchmal Durststrecken überwinden  oder Irrwege verfolgen. Diese Geduld und das Durchhaltevermögen gehört nun mal zum Mathematiktreiben dazu, egal ob die Akteure klein oder groß sind.

Können Sie Aufgabenmaterial oder Organisationshilfen zur Verfügung stellen? Ist z.B. das Problem des Monats aus Hamburg online abrufbar?

Zu den  Mathematikzirkeln gibt es inzwischen drei, online abrufbare Handreichungen, in denen geeignete Problemstellungen und didaktisch-methodische Hinweise zur Durchführungen zu finden sind. Nach den Sommerferien stehen die jeweilige Mathezirkel-Problem des Monats online zur Verfügung. Aktuell finden Sie dort exemplarisch das Problem des Monats „Blumenbeet“. Aus dem Uni-Projekt haben wir verschiedene Aufgaben im Zusammenhang mit Forschungsfragen veröffentlicht. Einige Beispiele finden sich in dem Buch „Der Mathe-Treff für Mathe-Fans“.

Am Schluss möchte ich gerne wissen, wer Sie beide motiviert hat, sich mit der Mathematik und im Speziellen mit der mathematischen Begabtenförderung zu beschäftigen.

KP: Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mich jemand motiviert hätte, mich mit Mathematik zu beschäftigen. Ich hatte einfach schon immer Spaß daran, Mathe zu machen und wollte es anderen gerne beibringen, damit sie es besser verstehen und Spaß daran haben. MN: Ich habe mich auch schon immer gerne mit Mathematik befasst. Später kam ein Interesse für mathematische Lernprozesse dazu. Die Motivation für die Arbeit im Bereich der mathematischen Begabtenförderung kam für uns beide von Herrn Kießwetter.

Weitere Links:

Veranstaltungsflyer „PriMa – 15 Jahre

Zeitungsartikel „So kommen kluge Köpfe raus“ in der Bergedorfer Zeitung vom 17.Juni 2014