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(Foto: Deutsche Telekom Stiftung)

Wider die Nivellierung des gymnasialen und nicht-gymnasialen Sekundarschullehramts

Stellungnahme der Gemeinsamen Kommission der DMV, GDM und MNU zur aktuellen bildungspolitischen Entwicklung in der Lehrerbildung

Die Gemeinsame Kommission Lehrerbildung der Deutschen Mathematiker-Vereinigung (DMV), der Gesellschaft für Didaktik der Mathematik (GDM) und des Deutschen Vereins zur Förderung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts e.V. (MNU) begrüßt die aktuellen bildungspolitischen Entwicklungen in der deutschen Lehrerbildungslandschaft, die Studiengänge für alle Schulformen, vom Gymnasium über die nicht-gymnasialen Schulformen bis hin zur Grundschule, zu vollwertigen zehnsemestrigen Studiengängen aufzuwerten. Dies wird einer alten Forderung gerecht, dass alle Schülerinnen und Schüler wissenschaftlich ausgebildete Lehrkräfte auf hohem Ausbildungsniveau brauchen.

Mit großer Sorge betrachtet die Kommission jedoch die Entscheidung des Bundeslandes Bremen und die Diskussionen in Berlin und Baden-Württemberg, die Ausbildung nur noch in zwei Schulstufen zu differenzieren und damit das ehemalige Haupt- und Realschullehramt mit dem Gymnasiallehramt (bzw. das ehemalige Sekundarstufen I Lehramt mit dem Sekundarstufen I/II Lehramt) zu verschmelzen. Als Gründe für eine solche Verschmelzung werden angeführt:
• die flexiblere Einsetzbarkeit der universell ausgebildeten Sekundarschullehrkräfte,
• die bildungspolitische Vision eines einheitlichen Schulsystems für die Sekundarstufe,
• die Notwendigkeit einer höheren fachinhaltlichen Kompetenz als bei den Haupt- und Real-
schullehrkräfte bislang empirisch festgestellt.

Die Verschmelzung der Studiengänge birgt allerdings die kaum zu vermeidende Gefahr, den spezifischen Anforderungen einer professionellen Expertise für unterschiedliche Schülergruppen in Zukunft nicht gerecht zu werden. Es sind hier zwei Pole innerhalb der sehr heterogenen Schülerschaft zu denken:

• An dem einen Pol bringt der (über mathematische Alltagsbewältigung hinausgehende) wissenschaftspropädeutische Anspruch der gymnasialen Oberstufe die Notwendigkeit mit sich, dass Lehrkräfte sich eigenständig mit der wissenschaftlichen Disziplin und ihren spezifischen Argumentations- und Denkweisen auseinandergesetzt haben müssen, um die Schülerinnen und Schüler auf ein zukünftiges Studium vorzubereiten. Ein solches an der Wissenschaft Mathematik orientiertes fachinhaltliches Profil erfordert eine stärkere fachlich-professionelle Sozialisierung.
• An dem anderen Pol dagegen befinden sich u.a. diejenigen Risikoschülerinnen und -schüler,
die nur bei großer didaktischer Expertise der Lehrkräfte einen Schulabschluss und die Berufsfähigkeit erreichen. Die spezifischen Anforderungen dieser Schülergruppe kann nur bedienen, wer ein fundiertes mathematikdidaktisches Wissen über typische Schwierigkeiten und Förderansätze sowie eine tiefgreifende diagnostische Kompetenz erworben hat.

Diese Ausbildungsbedarfe sind selbstredend nicht disjunkt, aber dennoch von sehr unterschiedlicher Priorisierung geprägt. Daher lassen sie sich unter den Rahmenbedingungen eines Zwei-Fach-Studiums mit 70 bis 100 Leistungspunkten für das Fach Mathematik kaum für alle Lehramtsstudierenden des Sekundarstufenlehramts gleichzeitig realisieren, will man eine gefährliche Verflachung der fachinhaltlichen Ausbildung für die gymnasiale Oberstufe einerseits oder eine Vernachlässigung der notwendigen fachdidaktischen Ausbildungsbedarfe für besonders heterogene Schülergruppen andererseits vermeiden. Daher müssen, selbst wenn das gesamte Sekundarstufenlehramt unter ein organisatorisches Dach gestellt wird, starke Differenzierungen vorgesehen werden, die nicht nur die Verhältnisse der fachinhaltlichen und fachdidaktischen Ausbildungsanteile, sondern auch ihre thematische Ausrichtung betreffen: Lehrkräfte für die nichtgymnasiale Schülergruppe brauchen statt Spezialkenntnissen in Analysis und Linearer Algebra mehr fachlich fundiertes Wissen in Arithmetik, Elementarer Algebra und Geometrie.

Differenzierungen für das Sekundarstufenlehramt können entweder nach Schülergruppen oder nach Klassenstufen erfolgen (z.B. Jahrgang 5-10 und Jahrgang 8-13), eine Vereinheitlichung der Lehramtsstudiengänge und damit auch Nivellierung der sich aus den professionellen Anforderungen an die zukünftigen Lehrkräfte ergebenden Differenzierungen in der Ausbildung würden jedoch zu zentralen Qualitätsverlusten im Mathematikunterricht führen und damit in internationalen Vergleichsstudien gerade erreichte positive Signale zunichte machen.

Im Namen aller Kommissionsmitglieder:
Prof. Dr. Susanne Prediger (Kommissionsvorsitzende)
TU Dortmund, prediger@math.uni-dortmund.de

PDF Version der Stellungnahme im Anhang an diesen Download